Ich werde Pilot. Nach 44 Jahren. Rikscha Luise macht es möglich.

Ein Erfahrungsbericht.

20.05.2021. Wolfgang Borchert würde heute seinen 100. Geburtstag feiern und ich werde heute ein Pilot. Ein Rikscha-Pilot. Einer von mehreren Ehrenamtlichen. Beim ambitionierten Projekt Radeln ohne Alter“, hier in der lokalen Version des Quartiersnetzwerkes martini erleben in Eppendorf. Die Rikscha „Luise“  und ich werden heute ein dynamisches Duo bilden, um einem älteren Menschen, der nicht mehr mobil ist, stellvertretend Mobilität zu verschaffen. Mit einem gemeinsamen Ausritt neue Ausblicke geben, die Lebendigkeit herauskitzeln und damit mehr Lebensqualität. So ist es gedacht. Dank den motivierten Piloten-Waden und zu einem größeren Teil dank des Akkus vom elektrischen Pferdchen, der Rikscha Luise.

Donnerstag. 8:03 Uhr. Unruhiger Blick auf die Wetter-App. Durchwachsen. Wolken und Sonne ringelreihen am Himmel. Der Regen möchte unbedingt mitmachen, darf aber noch nicht mitspielen. Hoffentlich bleibt es so! 9:12 Uhr, der Anruf von Frau Kammer, der Projektleiterin und Organisatorin bei martini.erleben, geht ein. Ja, es geht los! 10 Uhr Treffen. Ich bin gerüstet. Wetterfest gekleidet, den Leitfaden im Rucksack und voller Vorfreude schwinge ich mich auf mein Rad. Als ich beim Rikscha-Heimathafen ankomme, wiehert sie schon ungeduldig. Alles bereit? Check!  Frau Kammer gesellt sich dazu und wir starten zur Einrichtung, der ich als Fahrer fest zugeteilt wurde, damit eine gewisse Kontinuität und Verlässlichkeit gewährleistet ist. Meine zukünftigen Fahrgäste kommen aus dem Pflegeheim Agaplesion Bethanien-Höfe.

10:14 Uhr. Als wir ankommen, lacht Clärchen sonnig über uns. Rikscha Luise lacht. Und auch Jutta (88) lacht, als sie als mein erster Fahrgast in der Luise sitzt. Für sie überraschenderweise, denn mein geplanter Fahrgast musste leider absagen. Jutta „springt“ ein. Mit begleitender Betreuerin. Für die es auch die erste Fahrt in der Rikscha ins Unbekannte ist. Nach der offiziellen Vorstellung machen es sich meine zwei Fahrgäste vorne gemütlich. Und los geht’s! Mir fallen Zeilen aus Borcharts Reiterlied ein: „Voran! Mein Pferd. Voran! Stürmend durch die Zeit!“*

Unser Zugpferchen ist Elisabeth Kammer. Sie begleitet uns Piloten beim ersten Mal mit dem Fahrrad. Sie macht die Pace, wie man beim Pferderennsport sagt, sie fährt voraus. Ich bin noch etwas zögerlich mit dem Gas geben. Schließlich sollen die Frisuren meiner beiden Fahrgäste nicht zu sehr zerzausen. Einige Ampeln nutzen das sofort aus und trennen uns. Aber wir finden immer wieder zusammen, auf dem Weg zur Außenalster. Möglichst verkehrsarm und aussichtsreich. Später werden wir Pilot*innen uns untereinander vernetzen und die Erfahrungen zu schönen Routen teilen. Aktuell beschäftigt mich eher die Frage: Wie werden die anderen Verkehrsteilnehmer auf uns reagieren? Bisher sehr freundlich. Ein Autofahrer gibt mir sogar die Vorfahrt, obwohl ich auf der untergeordneten Straße bin. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank dafür.

10:46 Uhr. Wir traben parallel zur Außenalster auf den Alsterwiesen entlang. Das Wechselspiel von Sonne Wolken wirft ein schönes Licht auf das Gewässer. Wir erspähen eine Gruppe von Vögeln und halten direkt an. Es sind junge Schwäne, erkennbar am weiß-grauen Federkleid, die sich für eine Mittagsruhe zusammengefunden haben. Einige Stockenten und 2 Blässhühnchen gründeln ufernah und zeigen uns ihr „Schwänzchen in die Höh!“.

Als wir stoppen, meine Begleiterinnen direkt in erste Reihe sitzend, schauen die langhalsigen Fleetenkavaliere genauso interessiert zu uns, wie wir zu ihnen. Einer kommt sogar neugierig nah an uns heran. Nur der flache Uferschutzzaun hält ihn ab, sich mit auf die Rikscha zu setzen. Jutta lacht und ist begeistert von den Vögeln. Im Hintergrund landet gerade noch ein Kormoran auf dem Wasser. Fast wie bestellt. Während wir den tierischen Ausblick genießen, werden wir wiederum von den Passanten gemustert. Immer wieder neugierige Blicke.

Meistens gehen sofort die Mundwinkel nach oben. Ich bekomme mit, wie die Frau eines joggenden Pärchens zu ihrem Partner sagt: „So möchte ich auch durch Hamburg chauffiert werden!“. Wer nicht? Wir genießen weiter den schönen Ausblick. Sprechen über die Rikscha und das Projekt. Von Westen nähern sich langsam, aber stetig, dunkle Wolken mit Brusthaar. Oh, oh, denke ich. Wir haben zwar einen Regenaufsatz und eine Schutzdecke, aber im Regen zu fahren, muss nicht sein. Zeit, um wieder kräftig in die Pedalen zu treten. Oder mit Borcherts Worten: „Voran! Mein Pferd! Voran!“*

Ich lenke um und steuere die Luise über die befestigten Wege zurück auf die Straße. Gemächlich galoppieren wir dahin. Auf dem Leinpfad, der parallel zur Alster (Leinpfadkanal) verläuft, fliegen die Gründerzeitvillen rechtsseitig an uns vorbei. Jutta hat mittlerweile ein zartrosafarbenes Tuch um den Kopf und erinnert an Grazia Patricia in einem Cabriolet auf der Fahrt durch Monaco. Vielleicht denken das auch die Radfahrer*innen, denen wir begegnen, denn sie begegnen uns mit einem Lächeln. Würde ich mir nicht ein Wettrennen mit den regenschwangeren Brusthaarwolken liefern, würde ich beim Café par ici anhalten und den Damen ein Stückchen französische Tarte spendieren. Mir natürlich auch. Aber so. Na dann beim nächsten Ausritt.

Als wir gegen 11:08 Uhr in den Bethanien-Höfen ankommen, warten die Diakonissen in Corona-konformer Schlange am mittlerweile aufgebauten Gemüsestand, um frische Lebensmittel zu ergattern.

Als sie uns sehen, machen sie gleich freundlich Platz, grüßen freudig und ich kann die Luise bequem zum Eingang steuern. Wie ich später erfahre, sind zwei von ihnen bereits mit der Rikscha Luise ausgeritten. Ja, die Rikscha bringt allen Freude. Jutta lacht, als ich ihr mit der Begleiterin aus der Rikscha helfe. Wir verabschieden uns. Bis zum nächsten Mal. Hast du gut gemacht, Luise, deine Portion Strom hast du dir verdient. Jetzt nur noch ein kurzer Ritt zurück zum Heimathafen und mein erster Piloteneinsatz geht zu Ende. Kurz nachdem Luise versorgt ist und ich wieder auf meinem Rad sitze, ist die dunkle Brusthaarwolke über Eppendorf und öffnet ihre Schleusen. Tja, zu spät, denke ich, zu spät! Mit Borchert im Kopf radle ich zufrieden nach Hause …

 

 

„Ich bin ein Reiter,
stürmend durch die Zeit!
Durch die Wolken führt mein Ritt –
Mein Pferd greift aus!
Voran! Voran!
Der Sturm jagt neben mir!
Voran! Mein Pferd! Voran!
Durch die Gefahren hin stürmen wir –
ich und du –
mein Pferd!
Voran!
Durch die Zeit!
Ich bin ein Reiter!“*

 

Mit fest im Sattel sitzenden Grüßen
Rikscha-Pilot Christian

*Borchert Zitate aus: „Das Reiterlied“